Ortschronik der Gemeinde Ziltendorf

Was wäre, wenn Aurith eine Fähre hätte?

Es war ein denkwürdiger Tag dieser 13. September 2008. Eine Fährverbindung war zwischen dem deutschen Aurith und dem polnischen Hauptort Urad entstanden. So war es früher auf jeden Fall mal. Auf dem östlichen Oderufer befand sich der Hauptort Aurith und auf dem Westufer ein sogenanntes Vorwerk mit Wirtschaftshöfen und Scheunen.
Auf einer Tafel im polnischen Urad ist zu lesen: „Die erste Erwähnung des Dorfes geht auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Seinen einstigen, einer typischen mittelalterlichen Anlage von Straßen und Plätzen, entsprechenden Siedlungscharakter behielt der Ort stets bei. Einen Aufschwung verzeichnete die räumliche Entwicklung Urads im 18. Jahrhundert. Im Jahre 1800 zählte es 559 Einwohner und 111 Wohnhäuser. Zu den Gütern des Dorfes zählten auch zahlreiche jenseits der Oder gelegene Grundstücke. Dort befand sich gleichfalls eine Vorwerksiedlung. Eine Fähre über die Oder sicherte die Verbindung der beiden Ortsteile. Die Dorfkirche wurde 1945 vollständig zerstört.“
1945 ist auch das Jahr, das durch die politischen und Nahkriegsentscheidungen zur Trennung der beiden Ortsteile führte. Aurith auf deutscher und Urad auf polnischer Seite entwickelten sich seither eigenständig und blieben de facto 64 Jahre separat. Mit dem 13. September 2008 sollte sich das ändern, so jedenfalls die Gedanken der Organisatoren des ersten deutsch-polnischen Dorffestes Aurith-Urad.
Kirstin Seifert, Vorsitzende der „Bürgerinitiative Ziltendorfer Niederung“, erzählt, wie es zu diesem Fest und einer eintägigen Fährverbindung kam: „Als Bürgerinitiative wollten wir Kontakte nach Polen aufbauen und wir wollen hier Zeigen, dass es wichtig ist, langfristig Verdindungen aufzubauen, dass die Regionen beiderseits der Oder zusammenkommen. Wir wollen mit dem Fest, das heute hier stattfindet zeigen, dass diese Gedanken bei den Bürgern gut angenommen werden und dass sich hier auch Tourismus entwickeln kann – besonders mit einer Fähre.“
Die letzten Worte der Organisatorin dieses Festes müssen wohl hunderte Wander- und Radwanderfreudige im Ohr gehabt haben, denn schon zur ersten Überfahrt gegen 9.40 Uhr, hatte sich am deutschen Oderufer eine Schlange gebildet. Fortan fuhr Fischer Schneider im zehnminütigen Rhythmus über die Oder und das bis abends 17.30 Uhr (letzte Fahrt ab Urad). Die Idee der touristischen Nutzung wurde also sofort angenommen. Alle, die kamen wünschten sich eine ständige Fährverbindung und genau das sind eigentlich die Ziele der Organisatoren des Festes auf beiden Seiten der Oder. Radwanderfreunde nutzten die einmalige Gelegenheit zu einer Wochenendtour nach Polen: „Wir wollen jetzt auf polnischer Seite stromaufwärts fahren, an einem See übernachten und morgen über Guben zurück fahren. Das sind etwas 70 Kilometer.“ Andere Besucher waren neugierig auf Urad und seine Umgebung und waren wandermäßig ausgerüstet.

Während der Andrang an der Fähre schon groß war, wurden auf beiden Dorfplätzen letzt5e Vorbereitungen für das Fest und auf Aurither Seite für den Empfang von Roman Sieminski, den Bürgermeister der Gemeinde Cybinka getroffen. Dieser kam gegen elf Uhr und wurde von Kirstin Seifert sowie Linda Wehrmeister und Cordula Bahro in oderwendischen Trachten mit Brot und Salz empfangen. Auf dem Aurither Dorfplatz erfolgte dann die offizielle Eröffnung des gemeinsamen Dorffestes mit den Kinder der ersten Klasse der Ziltendorfer Grundschule, die musikalisch ihre Polnischkenntnisse zu Gehör brachten, mit der Musikalischen Begrüßung der beiden Urader Schülerinnen Klawdia Wozniete und Kardina Safian, einem 600 Euro-Überraschungsscheck der Sparkasse, übergeben durch die stellvertretende Regionalleiterin Eisenhüttenstadt Anja Grummt, und kurzen Ansprachen vom Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative Jürgen Barthelt, Bürgermeister Roman Sieminski und Amtsdirektor Danny Busse begannen sportliche Wettkämpfe, wie Stiefelweitwurf (der weiteste Stiefel „schoß“ einen Radtoruisten auf dem Deich ab) oder Schubkarrenrennen und Tauziehen. Hier ging es nicht so sehr um Siege, als vielmehr gemeinsame Freude am Sport. Mittlerweile bereiteten sich die Beachvolleyballer auf ihr Turnier in Urad vor und erste Besucher fanden sich auf dem Urader Festplatz ein. Hier ergab sich, umgeben von traditionellen Handwerksständen und Produkten aus der Region, Gelegenheit mit dem Cybinger Bürgermeister zu sprechen: Wir wollen, daß die Regionen und vor allem die Menschen beiderseits der Oder zusammenwachsen. Das ist allerdings mit Oderübergängen nur in Slubice und Gubin sehr mühseelig. Warum also nicht eine Fährverbindung zwischen Urad und Aurith, wie sie bis 1945 bestand? Bürokratische Hindernisse sollte es seit dem Schengener Abkommen nicht mehr geben. Der heutige Tag zeigt ja, wie neugierig die Menschen von beiden Seiten der Oder aufeinander sind, wie sie ins Gespräch kommen. Deshalb haben wir auch die Initiative von Frau Seifert zu diesem ersten deutsch-polnischen Dorffest unterstützt und uns im Vorfeld oft getroffen. Wir sehen es als Auftakt für weitere derartige Tage und perspektivisch vor allem für einen touristischen Aufschwung.“ Gefragt nach einem ständigen Übergang in Form einer Brücke, zeigte sich Roman Sieminski optimistisch schmunzelnd: „Ja, die hätten wir am liebsten in Höhe Eisenhüttenstadt und ich gehe davon aus, daß wir beide das noch erleben werden!“ Gleichzeitig verwies er noch auf zwei Sehenswüdigkeiten in der Nähe: „Auch wir haben ein sehr gut ausgebautes Radwegenetz und den Oder-Neiße-Radweg direkt auf dem Oderdeich. Es lohnt sich unbedingt nach Klopot zu fahren – na ja, vielleicht im nächsten Frühjahr, wenn die Störche wieder da sind. Das ist in unserer Region die größte Ansammlung von Storchennestern und natürlich gibt es das Storchenmuseum. Ein hervorragender Aussichtspunkt ist die alte Oderbrücke, von der man einen guten Ausblick nach Westen hat.“
Deutsch-polnische Kulturprogramme und Konzerte, das erste Kreisfestival der Volksmusik in Urad, Tanzabende, Traditionsfeuer auf beiden Uferseiten und ein Abschlußfeuerwerk beendeten eine denk- und erinnerungswürdigen Tag – einen Tag der Begegnung zwischen Menschen von beiden Seiten der Oder. Alle, die kamen waren begeistert, vor allem von der Fähre und erstaunt über die Nähe.
Es ist eigentlich so unkompliziert. Es fehlt nur eine ständige Fährverbindung zwischen Aurith und Urad – eine Verbindung zwischen 100 bis 150 Metern Luftlinie!

ODER-NEIßE-JOURNAL Eingetragen am 15.09.2008 um 14:58 Uhr

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