ZILTENDORF gestern & heute
Ortschronik der Gemeinde Ziltendorf
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Der Neid ist geblieben Zehn Jahre nach der Oderflut wird immer noch abgerechnet

Die Waldlichtung an der Bundesstraße 112 zwischen Wiesenau und Ziltendorf wirkt unberührt. Das Gras steht hüfthoch, der Blick schweift weit in Richtung Oder. Nichts erinnert mehr daran, dass vor zehn Jahren hier ein provisorischer Hafen lag. Schlauchboote von Bundeswehr und Technischem Hilfswerk schipperten Anwohner der überschwemmten Ortschaften Aurith, Kunitzer Loose und aus der Thälmann-Siedlung, damit sie ihr Vieh versorgen oder ein paar Habseligkeiten bergen konnten.

Alles, was nicht mindestens zwei Meter über der Erde verstaut war, konnte da schon nicht mehr gerettet werden. Am 23. Juli 1997 hatte der Deich bei Brieskow-Finkenheerd den Wassermassen der Oder nicht mehr standhalten können, einen Tag später brach der Damm auch südlich von Aurith. Die Jahrhundertflut ergoss sich in die 5500 Hektar große Ziltendorfer Niederung und machte erst an der Waldlichtung vor der B 112 halt. 252 Gebäude waren unter Wasser, 416 zuvor evakuierte Familien waren von der Flut zu Überschwemmungsopfern gemacht worden. Hartnäckig hält sich noch heute das Gerücht, die Niederung sei gezielt geflutet worden, um Frankfurt und das Oderbruch zu retten. „Die Finkenheerder sagen, es hätte geknallt, kurz bevor der Deich brach“, meint der Ziltendorfer Feuerwehrmann Hans-Joachim Hauk vielsagend.

Bäume als Orientierungshilfe

Telefonmasten, Laternen-Pfähle und Bäume dienten damals als Orientierung auf dem ungewollten Oder-Meer. So auch die sieben Kilometer lange Lindenbaum-Allee von Ziltendorf nach Aurith, die heute große Lücken aufweist. Nun steht die Allee erneut im Fokus der Öffentlichkeit. Hier entlang soll nämlich die Trasse hin zu einem neuen deutsch-polnischen Grenzübergang führen. Über eine Oderbrücke bei Aurith rollen laut aktuellen Planungen bald Autos, Transporter und Reisebusse. Sehr zum Unmut der Anwohner.

„Das interessiert die Leute heute viel mehr als das zehn Jahre zurückliegende Hochwasser“, konstatiert Silke Thurian. Die Wirtin von „Silkes Bauernstübchen“ direkt am Deich in Aurith ist in einer Bürgerinitiative gegen die Grenzbrücke aktiv, hat eine Unterschriftenliste auf dem Tresen liegen. Neben Nachbarn kommen auch viele Touristen in die gemütliche Kneipe am Oder-Neiße-Radweg. Nach den Hochwasser-Ereignissen fragt kaum noch ein Fremder. Über die dramatischen Wochen des Sommers 1997 spreche ohnehin niemand mehr gern, sagt Thurian. Wer es doch tut, riskiere böse Gerüchte und Verdächtigungen. „Wir sagen öffentlich lieber gar nichts mehr, sonst geht das missgünstige Gerede wieder von vorne los“, bringt Lieselotte Brettner aus dem benachbarten Kunitzer Loose die Sache auf den Punkt.

Auch Silke Thurian ist das Thema nicht unbedingt recht. Waren das Gehöft der Familie und das Nachbargrundstück doch die einzigen im Ort, die nicht unter Wasser standen. Zum Beweis tippt sie auf eine Luftbildaufnahme, die in der Gaststube hängt. „Wir wurden genau so evakuiert, wie alle anderen.“ Wenn sie mit den Booten der Helfer zurück nach Hause fuhr, um nach dem Rechten zu schauen, bekam die gelernte Verkäuferin stets ein schlechtes Gewissen, „weil bei uns ja nichts passiert war“. Um so mehr legte sie sich ins Zeug, als das Wasser im August zurück ging, Helfer wie Betroffene versorgt werden mussten. Per Notstromaggregat kochte sie im Akkord.

„Nach dem Hochwasser ist vieles nicht mehr so wie es war“, haben alteingesessene Aurither Heiko Scholz erzählt. Er selbst ist erst nach der verheerenden Flut aus Eisenhüttenstadt in die malerische Flusslandschaft gezogen und zeigt sich erstaunt, „wie verstritten die Leute heute noch sind“. Vor der Flut war die Fastnacht alljährlich der größte Nachbarschaftstreff in der Niederung gewesen, der große Festsaal in der Thälmann-Siedlung gerammelt voll. Heutzutage geht kaum noch jemand hin. „Wenn du hier früher auf die Straße getreten bist, hast du immer jemanden getroffen“, bestätigen Karin und Ewald Schreck. Jetzt sei die Siedlung menschenleer, keiner wolle mehr mit dem anderen zu tun haben.

Kontakt zu den Helfern von damals

Das 1949 erbaute Häuschen der Schrecks steht am nördlichen Rand der Thälmann-Siedlung, 70 Zentimeter tiefer als die Oder selbst in ihrem Bett. Eine Hochwasserplakette an der Garage bringt die ehemaligen Flutopfer immer wieder ins Gespräch mit Ortsfremden, die zufällig vorbeikommen. Auch zu Helfern, die damals beim Aufräumen mit angepackt haben, haben sie heute noch Kontakt – ein Feuerwehrmann aus Ronneburg, der beim Betonieren des Stubenbodens half, ruft regelmäßig an, ebenso die Bekannten aus Berlin, die den ersten Hausrat sponserten.

Wenn der eine mit dem anderen nicht rede, sei die Ursache dafür auch zehn Jahre danach noch die Höhe der ausgezahlten Spendengelder, hat der zugezogene Aurither Scholz bemerkt. Schon 1997 hatte die Verteilung der Spendenflut das in der Not gewachsene Gemeinschaftsgefühl radikal zerstört. Jede dritte Familie hatte demnach zu viel Geld einkassiert. „Einige hatten echte Schäden, andere nicht – aber die am wenigsten Betroffenen haben am lautesten gebrüllt“, hört man immer in der Ziltendorfer Niederung. Auch Silke Thurian geriet bei neidischen Nachbarn in Verdacht. Erst im April 1998 hatte die Auritherin ihre kleine Kneipe eröffnet. „Wohl gemerkt – finanziert aus eigenem Ersparten und nicht aus Spendengeldern“, betont sie.

Eine ungerechte Spendenverteilung beklagt auch Familie Schreck noch heute. „Die haben alle Häuser gleich taxiert, egal ob die vor der Flut noch veralteten DDR-Standard hatten oder schon saniert gewesen waren.“ Über mangelnde finanzielle Unterstützung konnten sich die Schrecks allerdings nicht beklagen. 1,64 Meter hoch stand das Oderwasser bei ihnen im Haus – nichts vom ursprünglichen Inventar überlebte Nässe und Dreck. „Klar konnten wir dank Versicherung und Spenden alles neu kaufen“, sagt Karin Schreck, „aber wir fühlten uns darin lange Zeit nicht wohl.“

Eigentlich sollten alle froh sein, dass jeder in der Niederung überlebt hat und alle Häuser schöner geworden sind, überlegt Anneliese Helm, Gast in „Silkes Bauernstübchen“. Angesichts der heftigen Unwetter in diesem Jahr bleibe jedoch die Angst vor einer erneuten Naturkatastrophe allgegenwärtig. „Der Mensch vernichtet sich selbst, weil keiner genug kriegt“, meint Ewald Schreck. „Mit der Oderflut hat sich die Natur schon einmal gerächt.“ Hochwasser-Versicherungen schließt seinen Angaben nach keine Firma mehr mit Bewohnern der Ziltendorfer Niederung ab.

JEANETTE BEDERKE

MÄRKISCHE ALLGEMEINE 23. Juli 2007

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2. Dezember 2020 @ 14:50